Die Chicago-Erklärung

Unsere Bekenntnisse finden Sie auch in unserem Gemeindebuch:

logo_pdf Gemeindebuch als PDF-Datei herunterladen

Die Chicago-Erklärung zur biblischen Irrtumslosigkeit

Vorwort

Die Autorität der Schrift ist für die christliche Kirche in unserer wie in jeder Zeit eine Schlüsselfrage. Wer sich zum Glauben an Jesus Christus als Herrn und Retter bekennt, ist aufgerufen, die Wirklichkeit seiner Jüngerschaft durch demütigen und treuen Gehorsam gegenüber Gottes geschriebenem Wort zu bezeugen. Im Glauben oder im Leben von der Heiligen Schrift abzuirren, ist Untreue gegenüber unserem Herrn. Die Anerkennung der völligen Wahrhaftigkeit und Zuverlässigkeit der Heiligen Schrift ist für ein volles Erfassen und angemessenes Bekennen ihrer Autorität unverzichtbar.

Die folgende Erklärung bekennt erneut diese Irrtumslosigkeit der Schrift, indem sie unser Verständnis davon und unsere Warnung vor ihrer Verwerfung deutlich macht. Wir sind davon überzeugt, dass ihre Verwerfung bedeutet, dass man das Zeugnis Jesu Christi und des Heiligen Geistes ignoriert und die Unterwerfung unter die Forderungen von Gottes eigenem Wort verweigert, die doch Kennzeichen wahren christlichen Glaubens sind. Wir sehen es in dieser Zeit als unsere Pflicht an, dieses Bekenntnis angesichts des gegenwärtigen Abfalls von der Wahrheit der Irrtumslosigkeit unter unseren Mitchristen und der Missverständnisse dieser Lehre in der Welt um uns herum abzugeben.

Die Erklärung besteht aus drei Teilen: einer zusammenfassenden Erklärung, den Artikeln des Bekennens und des Verwerfens und aus einer beigefügten Auslegung. Sie wurde im Rahmen einer dreitägigen Beratung in Chicago erarbeitet. Diejenigen, die die zusammenfassende Erklärung und die Artikel unterzeichnet haben, wollen ihre Überzeugung von der Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift bekennen und sich gegenseitig sowie alle Christen zu wachsender Annahme und wachsendem Verständnis dieser Lehre ermutigen und herausfordern. Wir wissen um die Grenzen eines Dokuments, das in einer kurzen, intensiven Konferenz erarbeitet wurde und beanspruchen nicht, ihm das Gewicht eines Glaubensbekenntnisses zu verleihen. Dennoch freuen wir uns darüber, dass sich durch unsere gemeinsamen Diskussionen unsere Überzeugungen vertieft haben, und wir beten, dass die Erklärung, die wir unterzeichnet haben, zur Verherrlichung unseres Gottes für eine neue Reformation der Kirche in ihrem Glauben, ihrem Leben und ihrer Mission gebraucht werden möge.

Wir legen diese Erklärung nicht in einem streitsüchtigen Geist vor, sondern in einem Geist der Demut und Liebe, den wir in allen zukünftigen Gesprächen, die aus dem, was wir geäußert haben, entstehen, durch Gottes Gnade beibehalten möchten. Wir anerkennen erfreut, dass viele, die die Irrtumslosigkeit der Schrift verwerfen, die Konsequenzen dieser Verwerfung in ihrem übrigen Glauben und Leben nicht entfalten, und wir sind uns bewusst, dass wir, die wir uns zu dieser Lehre bekennen, sie in unserem Leben oft verwerfen, indem wir darin versagen, unsere Gedanken und Taten, unsere Traditionen und Gewohnheiten in wahre Unterordnung unter das Wort Gottes zu bringen.

Wir laden jeden ein, auf diese Erklärung zu reagieren, der im Lichte der Schrift Gründe dafür sieht, die Bekenntnisse dieser Erklärung über die Schrift zu berichtigen, unter deren unfehlbarer Autorität wir stehen, während wir unser Bekenntnis niederlegen. Wir nehmen für das Zeugnis, das wir weitergeben, keine persönliche Unfehlbarkeit in Anspruch und sind für jeden Beistand dankbar, der uns dazu verhilft, dieses Zeugnis über das Wort Gottes zu stärken.

Zusammenfassende Erklärung

  1. Gott, der selbst die Wahrheit ist und nur die Wahrheit spricht, hat die Heilige Schrift inspiriert, um sich damit selbst der verlorenen Menschheit durch Jesus Christus als Schöpfer und Herr, Erlöser und Richter zu offenbaren. Die Heilige Schrift ist Gottes Zeugnis von seiner eigenen Person.
  2. Die Heilige Schrift hat als Gottes eigenes Wort, das von Menschen geschrieben wurde, die vom Heiligen Geist zugerüstet und geleitet wurden, in allen Fragen, die sie anspricht, unfehlbare göttliche Autorität: Ihr muss als Gottes Unterweisung in allem geglaubt werden, was sie bezeugt; ihr muss als Gottes Gebot gehorcht werden, in allem, was sie fordert; sie muss als Gottes Unterpfand in allem ergriffen werden, was sie verheißt.
  3. Der Heilige Geist, der göttliche Autor der Schrift, beglaubigt sie sowohl durch sein inneres Zeugnis als auch, indem er unseren Verstand erleuchtet, um ihre Botschaft zu verstehen.
  4. Da die Schrift vollständig und wörtlich von Gott gegeben wurde, ist sie in allem, was sie lehrt, ohne Irrtum oder Fehler. Dies gilt nicht weniger für das, was sie über Gottes Handeln in der Schöpfung, über die Ereignisse der Weltgeschichte und über ihre eigene literarische Herkunft unter Gott aussagt, als für ihr Zeugnis von Gottes rettender Gnade im Leben einzelner.
  5. Die Autorität der Schrift wird unausweichlich beeinträchtigt, wenn diese völlige göttliche Inspiration in irgendeiner Weise begrenzt oder missachtet oder durch eine Sicht der Wahrheit, die der Sicht der Bibel von sich selbst widerspricht, relativiert wird. Solche Abweichungen führen zu ernsthaften Verlusten sowohl für den einzelnen wie auch für die Kirche.

Artikel des Bekennens und des Verwerfens

Artikel I

Wir bekennen, dass die Heilige Schrift als das autoritative Wort Gottes anzunehmen ist.

Wir verwerfen die Auffassung, dass die Schrift ihre Autorität von der Kirche, der Tradition oder irgendeiner anderen menschlichen Quelle erhält.

Artikel II

Wir bekennen, dass die Heilige Schrift die höchste schriftliche Norm ist, durch die Gott das Gewissen bindet, und dass die Autorität der Kirche derjenigen der Schrift untergeordnet ist.

Wir verwerfen die Auffassung, dass kirchliche Bekenntnisse, Konzilien oder Erklärungen eine höhere oder gleichrangige Autorität gegenüber der Autorität der Bibel haben.

Artikel III

Wir bekennen, dass das geschriebene Wort in seiner Gesamtheit von Gott gegebene Offenbarung ist.

Wir verwerfen die Auffassung, dass die Bibel lediglich ein Zeugnis von der Offenbarung ist oder nur durch die Begegnung mit ihr Offenbarung wird oder dass sie in ihrer Gültigkeit von einer Antwort des Menschen abhängig ist.

Artikel IV

Wir bekennen, dass Gott, der die Menschheit in seinem Bild geschaffen hat, die Sprache als Mittel seiner Offenbarung benutzt hat.

Wir verwerfen die Auffassung, dass die menschliche Sprache aufgrund unserer Geschöpflichkeit so begrenzt ist, dass sie als Träger göttlicher Offenbarung ungeeignet ist. Wir verwerfen ferner die Auffassung, dass die Verdorbenheit der menschlichen Kultur und Sprache durch Sünde Gottes Werk der Inspiration vereitelt hat.

Artikel V

Wir bekennen, dass Gottes Offenbarung in der Heiligen Schrift eine fortschreitende Offenbarung ist.

Wir verwerfen die Auffassung, dass eine spätere Offenbarung, die eine frühere Offenbarung erfüllt, diese jemals korrigiert oder ihr widerspricht. Wir verwerfen ferner die Auffassung, dass irgendeine normative Offenbarung seit dem Abschluss des neutestamentlichen Kanons gegeben worden ist.

Artikel VI

Wir bekennen, dass die Schrift als Ganzes und alle ihre Teile bis zu den Worten des Urtextes von Gott durch göttliche Inspiration gegeben wurden.

Wir verwerfen die Auffassung, dass die Inspiration der Schrift in ihrer Ganzheit ohne ihre Teile oder in einigen Teilen ohne ihre Ganzheit recht bekannt werden kann.

Artikel VII

Wir bekennen, dass die Inspiration jenes Werk war, in dem Gott uns durch seinen Geist durch menschliche Schreiber sein Wort gab. Der Ursprung der Schrift ist Gott selbst. Die Art und Weise der göttlichen Inspiration bleibt zum größten Teil ein Geheimnis für uns.

Wir verwerfen die Auffassung, dass Inspiration auf menschliche Einsicht oder einen höheren Bewusstseinszustand irgendeiner Art reduziert werden kann.

Artikel VIII

Wir bekennen, dass Gott in seinem Werk der Inspiration die persönlichen Charakteristika und literarischen Stile der Schreiber, die er erwählte und zurüstete, benutzt hat.

Wir verwerfen die Auffassung, dass Gott die Persönlichkeit dieser Schreiber ausgeschaltet hat, als er sie dazu veranlasste, genau die Worte zu gebrauchen, die er ausgewählt hatte.

Artikel IX

Wir bekennen, dass die Inspiration zwar keine Allwissenheit verlieh, aber wahre und zuverlässige Aussagen über alle Dinge, über die die biblischen Autoren auf Gottes Veranlassung hin sprachen und schrieben, gewährleistete.

Wir verwerfen die Auffassung, dass die Begrenztheit oder das Gefallensein dieser Schreiber notwendigerweise oder auf andere Weise Verzerrungen oder Fehler in Gottes Wort eingeführt hat.

Artikel X

Wir bekennen, dass die Inspiration streng genommen nur auf den autographischen Text der Schrift zutrifft, der aber durch die Vorsehung Gottes anhand der zur Verfügung stehenden Handschriften mit großer Genauigkeit ermittelt werden kann. Wir bekennen ferner, dass Abschriften und Übersetzungen der Schrift so weit Gottes Wort sind, als sie das Original getreu wiedergeben.

Wir verwerfen die Auffassung, dass irgendein wesentlicher Bestandteil des christlichen Glaubens von dem Fehlen von Autographen betroffen ist. Wir verwerfen ferner die Ansicht, dass ihr Fehlen die Verteidigung der biblischen Irrtumslosigkeit nichtig oder unerheblich macht.

Artikel XI

Wir bekennen, dass die Schrift unfehlbar ist, da sie durch göttliche Inspiration vermittelt wurde, so dass sie, da sie weit davon entfernt ist, uns irrezuführen, wahr und zuverlässig in allen von ihr angesprochenen Fragen ist.

Wir verwerfen die Auffassung, dass die Bibel zugleich unfehlbar sein kann und sich in ihren Aussagen irrt. Unfehlbarkeit und Irrtumslosigkeit dürfen unterschieden, jedoch nicht voneinander getrennt werden.

Artikel XII

Wir bekennen, dass die Schrift in ihrer Gesamtheit irrtumslos und damit frei von Fehlern, Fälschungen oder Täuschungen ist.

Wir verwerfen die Auffassung, dass sich die biblische Unfehlbarkeit und Irrtumslosigkeit auf geistliche, religiöse oder die Erlösung betreffende Themen beschränkt und Aussagen über den Bereich der Geschichte und der Naturwissenschaft davon ausgenommen sind. Wir verwerfen ferner die Ansicht, dass wissenschaftliche Hypothesen über die Erdgeschichte dazu berechtigen, die Aussagen der Heiligen Schrift über die Schöpfung und die Sintflut umzustoßen.

Artikel XIII

Wir bekennen, dass es angemessen ist, Irrtumslosigkeit als theologischen Begriff für die vollständige Zuverlässigkeit der Schrift zu verwenden.

Wir verwerfen die Auffassung, dass es angemessen ist, die Schrift anhand von Maßstäben für Wahrheit und Irrtum zu messen, die ihrem Gebrauch und ihrem Zweck fremd sind. Wir verwerfen ferner, dass die Irrtumslosigkeit von biblischen Phänomenen wie dem Fehlen moderner technischer Präzision, Unregelmäßigkeiten der Grammatik oder der Orthographie, Beschreibung der Natur nach der Beobachtung, Berichte über Unwahrheiten, dem Gebrauch von Übertreibungen oder gerundeten Zahlen, thematischer Anordnung des Stoffes, unterschiedlicher Auswahl des Materials in Parallelberichten oder der Verwendung freier Zitate in Frage gestellt wird.

Artikel XIV

Wir bekennen die Einheit und innere Übereinstimmung der Schrift.

Wir verwerfen die Auffassung, dass angebliche Fehler und Widersprüche, die bis jetzt noch nicht gelöst wurden, den Wahrheitsanspruch der Bibel hinfällig machen.

Artikel XV

Wir bekennen, dass die Lehre von der Irrtumslosigkeit in der Lehre der Bibel über die Inspiration gegründet ist.

Wir verwerfen die Auffassung, dass man die Lehre Jesu über die Schrift mit dem Hinweis auf eine Anpassung [an die Hörer] oder auf irgendeine natürliche Begrenztheit seines Menschseins abtun könne.

Artikel XVI

Wir bekennen, dass die Lehre von der Irrtumslosigkeit ein integraler Bestandteil des Glaubens der Kirche in ihrer Geschichte war.

Wir verwerfen die Auffassung, dass die Irrtumslosigkeit eine Lehre ist, die der scholastische Protestantismus erfand, oder eine reaktionäre Position ist, um negative Bibelkritik zu bestreiten.

Artikel XVII

Wir bekennen, dass der Heilige Geist Zeugnis für die Heilige Schrift ablegt und den Gläubigen die Zuverlässigkeit des geschriebenen Wortes Gottes versichert.

Wir verwerfen die Auffassung, dass dieses Zeugnis des Heiligen Geistes von der Schrift isoliert ist oder gegen die Schrift wirkt.

Artikel XVIII

Wir bekennen, dass der Text der Schrift durch grammatisch-historische Exegese auszulegen ist, die die literarischen Formen und Wendungen berücksichtigt, und dass die Schrift die Schrift auslegt.

Wir verwerfen die Berechtigung jeder Behandlung des Textes und jeder Suche nach hinter dem Text liegenden Quellen, die dazu führen, dass seine Lehren relativiert, für ungeschichtlich gehalten oder verworfen oder seine Angaben zur Autorschaft abgelehnt werden.

Artikel XIX

Wir bekennen, dass ein Bekenntnis der völligen Autorität, Unfehlbarkeit und Irrtumslosigkeit der Schrift für ein gesundes Verständnis des ganzen christlichen Glaubens lebenswichtig ist. Wir bekennen ferner, dass solch ein Bekenntnis dazu führen sollte, dass wir dem Bild Christi immer ähnlicher werden.

Wir verwerfen die Auffassung, dass ein solches Bekenntnis zum Heil notwendig ist. Wir verwerfen jedoch darüber hinaus auch die Auffassung, dass die Irrtumslosigkeit ohne schwerwiegende Konsequenzen, sowohl für den einzelnen als auch für die Kirche, verworfen werden kann.

Kommentar

Unser Verständnis der Lehre von der Irrtumslosigkeit muss in den größeren Zusammenhang der umfassenderen Lehre der Schrift über sich selbst gestellt werden. Dieser Kommentar legt Rechenschaft von den Grundlagen der Lehren ab, aus denen die zusammenfassende Erklärung und die Artikel gewonnen wurden.

Schöpfung, Offenbarung und Inspiration

Der dreieinige Gott, der alle Dinge durch sein Schöpferwort gebildet hat und alle Dinge nach seinem Ratschluss lenkt, schuf die Menschheit zu seinem eigenen Bilde für ein Leben in Gemeinschaft mit ihm, nach dem Vorbild der ewigen Gemeinschaft der von Liebe bestimmten Verbindung innerhalb der Gottheit selbst. Als Träger der Ebenbildlichkeit Gottes sollte der Mensch Gottes Wort, das an ihn gerichtet war, hören und in der Freude anbetenden Gehorsams darauf antworten. Über Gottes Selbstmitteilung in der geschaffenen Ordnung sowie in der Abfolge der Ereignisse haben Menschen von Adam an verbale Botschaften von Gott empfangen, und zwar entweder direkt, wie in der Schrift ausgesagt, oder indirekt in Form eines Teiles oder der Ganzheit der Schrift.

Als Adam sündigte, überließ der Schöpfer die Menschheit nicht dem endgültigen Gericht, sondern verhieß das Heil und begann, sich selbst in einer Folge von historischen Ereignissen als Erlöser zu offenbaren, deren Zentrum Abrahams Familie war und die ihren Höhepunkt in Leben, Tod, Auferstehung, gegenwärtigem himmlischem Dienst und verheißener Rückkehr Jesu Christi fanden. Innerhalb dieses Rahmens hat Gott von Zeit zu Zeit besondere Worte des Gerichts und der Gnade, der Verheißung und des Gebots zu sündigen Menschen gesprochen, um sie in eine Bundesbeziehung der gegenseitigen Verpflichtung zwischen ihm und ihnen hineinzunehmen, in der er sie mit Gaben der Gnade segnet und sie ihn als Antwort darauf preisen. Mose, den Gott als Mittler gebrauchte um sein Wort zur Zeit des Auszugs seinem Volk zu überbringen, steht am Beginn einer langen Reihe von Propheten, in deren Mund und Schrift Gott sein Wort legte, um es an Israel weiterzugeben. Gottes Absicht mit dieser Abfolge von Botschaften war es, seinen Bund zu erhalten, indem er sein Volk veranlasste, seinen Namen, das heißt sein Wesen, und seinen Willen in seinen Geboten und seinen Zielen für die Gegenwart und die Zukunft kennen zu lernen. Diese Linie der prophetischen Sprecher Gottes fand ihren Abschluss in Jesus Christus, dem fleischgewordenen Wort Gottes, der selbst ein Prophet, mehr als ein Prophet, aber nicht weniger als ein Prophet war, und in den Aposteln und Propheten der ersten christlichen Generation. Als Gottes endgültige und auf den Höhepunkt zulaufende Botschaft, sein Wort an die Welt bezüglich Jesus Christus, gesprochen und von den Männern des apostolischen Kreises erläutert worden war, endete die Abfolge der Offenbarungsbotschaften. Von da an sollte die Kirche durch das von Gott bereits für alle Zeit Gesagte leben und Gott erkennen.

Am Sinai schrieb Gott die Bedingungen seines Bundes als sein beständiges Zeugnis auf Steintafeln, damit es stets verfügbar sei. Auch während der Zeit der prophetischen und apostolischen Offenbarung veranlasste er Menschen, die Botschaft, die er ihnen und durch sie gab, zusammen mit feierlichen Berichten über sein Handeln mit seinem Volk, ethischen Betrachtungen über das Leben in seinem Bund und Formen des Lobpreises und der Gebete für die Bundesgnade, aufzuschreiben. Die theologische Wirklichkeit der Inspiration bei der Entstehung der biblischen Dokumente entspricht der Inspiration der gesprochenen Prophetien: Obwohl die Persönlichkeit der menschlichen Schreiber in dem zum Ausdruck kommt, was sie schrieben, wurden die Worte doch von Gott festgelegt. Deswegen gilt, dass das, was die Schrift sagt, Gott sagt. Ihre Autorität ist seine Autorität, denn er ist ihr letztendlicher Autor, der sie durch den Geist und die Worte von auserwählten und zugerüsteten Menschen übermittelte, die in Freiheit und Treue „von Gott redeten, getrieben vom Heiligen Geist“ (2.Petr. 1,21). Die Heilige Schrift muss kraft ihres göttlichen Ursprungs als Gottes Wort anerkannt werden.

Autorität: Christus und die Bibel

Jesus Christus, der Sohn Gottes, der das fleischgewordene Wort, unser Prophet, Priester und König ist, ist der höchste Mittler der Botschaften und der Gnadengaben Gottes an den Menschen. Die von ihm gegebene Offenbarung bestand nicht nur aus Worten, da er ebenso in seiner Gegenwart und seinen Taten den Vater offenbarte. Dennoch waren seine Worte von entscheidender Bedeutung, da er Gott war, im Namen des Vaters sprach und weil seine Worte alle Menschen am letzten Tag richten werden.

Als der geweissagte Messias ist Jesus Christus das zentrale Thema der Schrift. Das Alte Testament sah ihm entgegen, das Neue Testament schaut auf sein erstes Kommen zurück und seinem zweiten Kommen entgegen. Die kanonische Schrift ist das göttlich inspirierte und deswegen normative Zeugnis von Christus. Aus diesem Grund kann keine Hermeneutik, in der der historische Christus nicht der Brennpunkt ist, akzeptiert werden. Die Heilige Schrift muss als das behandelt werden, was sie wesentlich ist, nämlich das Zeugnis des Vaters von seinem fleischgewordenen Sohn.

Es ist zu erkennen, dass der alttestamentliche Kanon zur Zeit Jesu feststand. Der neutestamentliche Kanon ist heute gleichermaßen abgeschlossen, und zwar deswegen, weil heute kein neues apostolisches Zeugnis vom historischen Jesus mehr abgelegt werden kann. Bis zur Wiederkunft Christi wird keine neue Offenbarung, (die vom geistgewirkten Verstehen der bereits vorhandenen Offenbarung zu unterscheiden ist), mehr gegeben werden. Der Kanon wurde prinzipiell durch die göttliche Inspiration geschaffen. Die Aufgabe der Kirche war es nicht, einen eigenen Kanon aufzustellen, sondern den Kanon, den Gott geschaffen hatte, festzustellen.

Der Begriff Kanon bezeichnet eine Richtschnur oder Norm und weist auf Autorität hin, also auf das Recht zu herrschen und zu gebieten. Im Christentum gehört die Autorität Gott in seiner Offenbarung, was einerseits Jesus Christus, das lebendige Wort, andererseits die Heilige Schrift, das geschriebene Wort, meint. Die Autorität Christi und die der Schrift sind jedoch eins. Als unser Prophet hat Christus bezeugt, dass die Schrift nicht zerrissen werden kann. Als unser Priester und König widmete er sein irdisches Leben der Erfüllung des Gesetzes und der Propheten und starb im Gehorsam entsprechend der Worte der messianischen Weissagungen. So wie er die Heilige Schrift als Beglaubigung für sich und seine Autorität interpretierte, beglaubigte er durch seine eigene Unterordnung unter die Schrift ihre Autorität. So wie er sich unter die in seiner Bibel (unserem Alten Testament) gegebenen Weisungen seines Vaters beugte, erwartete er dies auch von seinen Jüngern, nicht jedoch isoliert vom apostolischen Zeugnis über ihn selbst, sondern im Einklang mit diesem, dessen Inspiration er durch seine Gabe des Heiligen Geistes bewirkte. Christen erweisen sich somit dadurch als treue Diener ihres Herrn, dass sie sich unter die göttlichen Anweisungen in den prophetischen und apostolischen Schriften, die zusammengenommen unsere Bibel ausmachen, beugen.

Indem Christus und die Schrift sich gegenseitig ihre Autorität beglaubigen, verschmelzen sie zu einer einzigen Quelle der Autorität. Von diesem Standpunkt aus sind der biblisch interpretierte Christus und die Bibel, welche Christus in den Mittelpunkt stellt und ihn verkündigt, eins. So wie wir aus der Tatsache der Inspiration schließen, dass das, was die Schrift sagt, Gott sagt, können wir aufgrund der offenbarten Beziehungen ebenso bekennen, dass das, was die Schrift sagt, Christus sagt.

Unfehlbarkeit, Irrtumslosigkeit, Auslegung

Es ist angemessen, die Heilige Schrift als das inspirierte Wort Gottes, das autoritativ von Jesus Christus zeugt, als unfehlbar und irrtumslos zu bezeichnen. Diese negativen Ausdrücke sind von besonderem Wert, weil sie ausdrücklich positive Wahrheiten sichern.

Der Begriff unfehlbar bezieht sich auf die Qualität, dass etwas weder in die Irre führt noch irregeleitet ist, und schützt so kategorisch die Wahrheit, dass die Heilige Schrift ein feststehender, sicherer und zuverlässiger Grundsatz und eine Richtschnur in allen Dingen ist.

In ähnlicher Weise bezeichnet der Begriff irrtumslos die Qualität, dass etwas frei von allen Unwahrheiten oder Fehlern ist, und schützt so die Wahrheit, dass die Heilige Schrift in allen ihren Aussagen vollständig wahr und zuverlässig ist.

Wir bekräftigen, dass die kanonische Schrift immer auf der Grundlage ihrer Unfehlbarkeit und Irrtumslosigkeit ausgelegt werden sollte. Wenn wir jedoch feststellen wollen, was der von Gott unterwiesene Schreiber in jedem Abschnitt aussagt, müssen wir dem Anspruch der Schrift und ihrem Charakter als menschlichem Erzeugnis die größtmögliche Aufmerksamkeit widmen. Gott gebrauchte in der Inspiration die Kultur und die Gebräuche der Umwelt des Schreibers, eine Umwelt, über die Gott in seiner souveränen Vorsehung Herr ist. Etwas anderes anzunehmen heißt falsch auszulegen.

So muss Geschichte als Geschichte behandelt werden, Dichtung als Dichtung, Hyperbel1 und Metapher2 als Hyperbel und Metapher, Verallgemeinerungen und Annäherungen3 als das, was sie sind etc. Unterschiede zwischen den literarischen Konventionen in biblischen Zeiten und in unserer Zeit müssen ebenfalls beachtet werden: Wenn zum Beispiel nichtchronologische Erzählungen und ungenaue Zitierweise damals üblich und akzeptabel waren und den Erwartungen in jenen Tagen nicht widersprachen, dürfen wir diese Dinge nicht als Fehler ansehen, wenn wir sie bei den biblischen Schreibern finden. Wenn eine bestimmte, vollständige Präzision nicht erwartet oder angestrebt wurde, ist es kein Irrtum, wenn sie nicht erreicht worden ist. Die Schrift ist irrtumslos, aber nicht im Sinne einer absoluten Präzision nach modernem Standard, sondern in dem Sinne, dass sie ihren eigenen Ansprüchen entspricht und jenes Maß an konzentrierter Wahrheit erreicht, das seine Autoren beabsichtigten.

Die Zuverlässigkeit der Schrift wird nicht dadurch unwirksam gemacht, dass sie Unregelmäßigkeiten der Grammatik oder der Rechtschreibung, beobachtende Beschreibungen der Natur, Berichte von falschen Aussagen (zum Beispiel der Lügen Satans) oder scheinbare Widersprüche zwischen zwei Abschnitten enthält. Man darf nicht einen Gegensatz konstruieren zwischen dem äußeren Erscheinungsbild der Schrift und der Lehre über die Schrift. Augenscheinliche Unstimmigkeiten sollten nicht ignoriert werden. Lösungen dafür, wenn sie auf überzeugende Art gefunden werden können, werden unseren Glauben stärken. Wo im Moment keine überzeugende Lösung zur Hand ist, sollen wir Gott in besonderer Weise ehren, indem wir seiner Zusicherung vertrauen, dass sein Wort trotz dieser Erscheinungen wahr ist, und indem wir das Vertrauen festhalten, dass diese Unstimmigkeiten sich eines Tages als Täuschungen erweisen werden.

Insofern die ganze Schrift nur einem einzigen göttlichen Geist entspringt, muss sich die Auslegung innerhalb der Grenzen der Analogie der Schrift halten und Hypothesen vermeiden, die einen biblischen Abschnitt mit Hilfe eines anderen korrigieren, ganz gleich, ob dies im Namen der fortschreitenden Offenbarung oder mit Hinweis auf die unvollkommene Erleuchtung des Denkens der inspirierten Schreiber geschieht.

Obwohl die Heilige Schrift nirgends in dem Sinne kulturgebunden ist, dass ihre Lehren keine universale Gültigkeit besitzen, ist sie doch manchmal von den Bräuchen und den traditionellen Anschauungen einer bestimmten Zeit geprägt, so dass heute die Anwendung ihrer Prinzipien eine andere Handlungsweise erfordert.

Skeptizismus und Kritizismus

Seit der Renaissance und insbesondere seit der Aufklärung wurden Weltanschauungen entwickelt, die Skeptizismus gegenüber grundlegenden christlichen Wahrheiten beinhalten; so etwa der Agnostizismus, der die Erkennbarkeit Gottes leugnet, der Rationalismus, der die Unbegreiflichkeit Gottes leugnet, der Idealismus, der die Transzendenz Gottes leugnet, und der Existentialismus, der jede Rationalität in Gottes Beziehung zu uns leugnet. Wenn diese un- und antibiblischen Prinzipien auf der Ebene der Denkvoraussetzungen in die Theologien von Menschen eindringen, was sie heute häufig tun, wird eine zuverlässige Auslegung der Heiligen Schrift unmöglich.

Überlieferung und Übersetzung

Da Gott nirgends eine unfehlbare Überlieferung der Schrift verheißen hat, betonen wir, dass nur der autographische Text der Originaldokumente inspiriert ist. Von daher betonen wir die Notwendigkeit der Textkritik im Sinn eines Mittels zum Aufdecken von Schreibfehlern, die sich im Laufe der Textüberlieferung in den Text eingeschlichen haben. Das Urteil dieser Wissenschaft lautet jedoch folgendermaßen: Es stellte sich heraus, dass der hebräische und griechische Text erstaunlich gut erhalten ist, so dass wir mit gutem Recht mit dem Westminster-Bekenntnis die einzigartige Vorsehung Gottes in dieser Frage bekräftigen können und erklären, dass die Autorität der Schrift in keiner Weise durch die Tatsache, dass die Abschriften nicht völlig ohne Fehler sind, in Frage gestellt wird.

In ähnlicher Weise ist keine Übersetzung vollkommen und kann es nicht sein; alle Übersetzungen sind ein zusätzlicher Schritt fort von den Autographen. Die Sprachwissenschaft urteilt jedoch, dass zumindest Englisch sprechende Christen4 in diesen Tagen mit einer großen Zahl von ausgezeichneten Übersetzungen außerordentlich gut versorgt sind und ohne Zögern davon auszugehen können, dass das wahre Wort Gottes für sie erreichbar ist. Angesichts der häufigen Wiederholung der wesentlichen Themen in der Schrift, mit denen sie sich beschäftigt, und auch aufgrund des ständigen Zeugnisses des Heiligen Geistes für und durch das Wort wird keine ernsthafte Übersetzung der Heiligen Schrift ihre Bedeutung so zerstören, dass sie unfähig wäre, ihre Leser „weise zum Heil durch den Glauben an Christus Jesus zu machen“ (2.Tim. 3,15).

1) d. h. Übertreibung (zum Zweck der Verdeutlichung) 2) d. h. bildlicher und übertragener Ausdruck 3) d. h. etwa durch Auf- und Abrunden von Zahlen 4) Entsprechendes gilt natürlich für die deutsche Sprache.